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EuroPride 2019

im Kunsthistorischen Museum, Weltmuseum Wien & Theatermuseum

Von 1. bis 16. Juni 2019 findet in Wien die EuroPride statt. Aus diesem Anlass haben das Kunsthistorische Museum, das Weltmuseum Wien und das Theatermuseum ein vielfältiges und queeres Programm für Sie zusammengestellt. Werfen Sie mit uns neue Blicke auf Alte Meister und kuriose Objekte und entdecken Sie Uneindeutiges, Ungewöhnliches und Erotisches, wo Sie es vielleicht nicht vermuten.

Am Montag, den 3.6. ist

Pride Day im Kunsthisto­ri­schen Museum Wien

13.30 Uhr Drag Queen trifft Alte Meister – Queer Sein in Renaissance und Barock
Drag Queen Führung (Deutsch)

15 Uhr A Drag Queen's View – Queer People in Renaissance und Baroque
Drag Queen Führung (English)

16 Uhr We Could Be Heroes. Über Männlichkeiten
Drag Queen Führung (Deutsch)

16.30 Uhr Drag Queen trifft Alte Meister – Queer Sein in Renaissance und Barock
Drag Queen Führung (English)

Am Freitag, den 7.6. ist

Pride Day im Weltmuseum
Wien

13 Uhr Till Death Do Us Part
Guided Tour in English

18 Uhr Desire, Lust and Fertility
Guided Tour in English

19–22 Uhr FemFriday #9
Concert and Artist Talk

Das Programm

Drag Queen Führung mit der Tiefen Kümmernis

Queere Identitäten sind eine Erfindung der Moderne? Falsch gedacht! Schon immer gab es Menschen, die gleichgeschlechtlich liebten, oder nicht ins klassische Mann-Frau-Schema passten. Die Tiefe Kümmernis lädt zu einer queeren Erkundungstour in der Gemäldegalerie ein.

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So queer ist das Kunst­historische Museum…

Das Kunsthistorische Museum zeigt Objekte aus fünf Jahrtausenden – aber wie passt denn das zur Europride? Man könnte denken, dass LGBTI*-Personen erst seit kurzer Zeit existieren und sich in historischen Kunstsammlungen deswegen keine Hinweise auf sie finden ließen. Das ist jedoch falsch – schon immer existierten unterschiedliche Arten von geschlechtlicher Identität und sexueller Anziehung, jedoch gab es die heutigen Bezeichnungen dafür noch nicht.

*) LGBTI* = Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersex;
Der Asterisk (*) steht für die Erweiterbarkeit dieser Aufzählung.

Inter­ge­schlecht­lich­keit

Intergeschlechtliche Menschen werden mit Geschlechts­­merk­­­malen geboren, die nicht eindeutig den Kategorien „männlich“ oder „weiblich“ zuzu­­ordnen sind. Das ist eine natür­liche Varianz, die schon immer vorkam. Auch in der Mytho­­logie schlägt sich dies nieder – der Herma­­phroditus ist die bekann­teste antike Sagen­­figur, die inter­geschlecht­­lich ist.

In der Neuzeit wurde die Geschichte des Hermaphroditus gerne dargestellt, jedoch waren sich die Künstler*Innen nicht immer einig, ob und wie man intergeschlechtliche Körper darstellen soll.

Der Begriff Androgynie („Mannfraulichkeit“) wurde manchmal gleichbedeutend mit Intergeschlechtlichkeit verwendet. Heute jedoch verwendet man das Wort meist im Zusammenhang mit Schönheitsidealen. In der europäischen Kunst um 1600 waren Figuren mit androgynem Aussehen äußerst beliebt. Beispielsweise sehen sich Bacchus und Ceres, die eigentlich unterschiedlichen Geschlechts sind, in einem Bild von Bartholomäus Spranger sehr ähnlich. 


Homosexualität und Bisexualität

Ein relativ bekanntes Beispiel ist die gleichgeschlechtliche Liebe unter Männern im antiken Griechenland und Rom. Von mehreren Herrschern wissen wir, dass sie neben ihren Ehefrauen männliche Liebhaber hatten, die ihnen sehr viel bedeuteten. Dazu gehören Hadrian, Traian und Alexander der Große. Man könnte aus der heutigen Sicht also von Bisexualität oder Homosexualität sprechen. Von den Frauen der Antike ist ähnliches anzunehmen. Sie durften jedoch kaum am öffentlichen Leben teilhaben und deswegen gibt es wenige Zeugnisse darüber, wen und wie sie liebten. Eine berühmte Ausnahme ist die Dichterin Sappho, die auf der Insel Lesbos (daher kommt auch der Begriff lesbisch) lebte und die innerliche sowie äußerliche Schönheit ihrer Freundinnen beschrieb.

Auch mächtige Kämpfer liebten mitunter Angehörige des eigenen Geschlechts. Der sagenhafte Held Achilles hatte einen Partner namens Patroklos. Als dieser im trojanischen Krieg vom gegnerischen Hektor getötet wurde, ermordete Achilles Hektor daraufhin aus Rache. Auf einer antiken Vasenmalerei kann man sehen, wie der Vater des Hektor die Leiche seines Sohnes (unter der Liege) vom liegenden Achilles (obenauf liegend) zurückfordert.

Es gibt auch einige Künstler, über deren sexuelle Neigungen schon zu ihren Lebzeiten spekuliert wurde. Caravaggio, der möglicherweise bisexuell war, ist ein besonders bekanntes Beispiel dafür. 

Mehr zu Caravaggio erfahren Sie in unserer Sonderausstellung Caravaggio & Bernini: Zu sehen ab 15. Oktober 2019.

Auch am Hof der Habsburger in Wien gab es gleichgeschlechtliche Liebe. Isabella von Bourbon-Parma war 19 Jahre alt, als sie den späteren Kaiser Joseph II. heiratete. Sie schrieb Briefe mit ihrer fast gleichalten Schwägerin, Erzherzogin Marie Christine. Den Briefen kann man entnehmen, dass die beiden Frauen durch mehr als nur gegenseitige Bewunderung verbunden waren („Adieu, ich küsse Sie und bete Sie an bis zu einem Grade, den ich nicht sagen kann“, und viele weitere Beispiele). 


Travestie

Auch der Kleidertausch zwischen Mann und Frau sowie das Überschreiten von sozial festgeschriebenen Geschlechtergrenzen findet sich in der Kunst wieder. Die Geschichte von Herkules und Omphale beschreibt, wie der Held sich als Sklave einer Königin verdingen musste und die beiden sich ineinander verliebten. Zum Spaß – oder sogar zur Luststeigerung – sollen sie ihre Kleider getauscht haben. Jedoch hat sich Herkules an seine weibliche Rolle gewöhnt, was in den Erzählungen mit Unterwürfigkeit einherging und sehr negativ gewertet wurde. Omphale dagegen hatte durch den Kleider- und Rollentausch keinen Grund zur Scham – sie gewann sogar an Ansehen und Macht. Eines Tages besann sich Herkules wieder seiner Heldenrolle und verließ Omphale. 


Der weibliche Blick

Immer wieder gelang es Frauen, sich in der patriarchalen Gesellschaftsordnung Europas zu behaupten und künstlerisch erfolgreich zu sein. Michaelina Woutiers aus Flandern ist ein perfektes Beispiel dafür. Ihr Bacchanal ist monumental groß, was man Malerinnen damals gar nicht zutraute. Das Bild zeigt den Anführer des Gelages, Bacchus, nicht als unattraktiven Säufer, sondern als anziehenden Akt im Bildzentrum. Darin könnte man eine Umkehr des männlich-heterosexuellen Blicks, der die Kunstgeschichte dominiert, erkennen. Die Malerin hat eventuell sogar ein verstecktes Selbstporträt in der Figur am rechten Bildrand inkludiert.
 

So queer ist das Weltmuseum Wien…

Das Weltmuseum Wien zählt mit seinen umfassenden Sammlungen von ethnografischen Objekten, historischen Fotografien und Büchern zu außereuropäischen Kulturen zu den bedeutendsten ethnografischen Museen der Welt. Unter den vielen Objekten aus aller Welt finden sich auch zahlreiche Hinweise darauf, dass queere Themen nicht erst eine „Erscheinung“ unserer Zeit sind, sondern schon sehr lange Teil unterschiedlichster Kulturen waren und sind.

Tara

Im gelehrten Buddhismus verkörpert die Göttin Tara „die schützende Aktivität des Mitleids“. Sie schützt vor den Gefahren, die den Strebenden auf dem Weg ins Nirvana drohen: Stolz, Verblendung, Zorn, Eifersucht, irrige Ansichten, Geiz, Begierde und Zweifel. Für viele Laien nimmt sie beinahe mütterliche Qualitäten an, wenn es gilt, Unterstützung bei den Problemen dieser Welt zu finden.

Nach der Überlieferung des tibetischen Buddhismus war Tara vor langer Zeit als eine Prinzessin inkarniert, die unentwegt zum Wohle der fühlenden Wesen arbeitete. Als sie eine hohe Stufe der Verwirklichung erlangte, meinte ein spöttischer Mönch, sie könne ja von nun an bewusst im (vermeintlich) günstigeren männlichen Körper inkarnieren, da der Körper einer Frau doch eher hinderlich zur Erlangung der Erleuchtung sei. Daraufhin legte die Prinzessin das Versprechen ab, fortan ausschließlich als Frau zu inkarnieren, um Erleuchtung in einem weiblichen Körper zu erlangen. In Tibet wurde sie nach dem Erreichen ihres Zieles als die Befreierin Tara bekannt und zur Inspiration für Generationen von Praktizierenden beiderlei Geschlechts. Sie demonstrierte mit ihrer Erleuchtung, dass ein weiblicher Körper in gleicher Weise zur Erlangung der Erleuchtung befähigt, wie ein männlicher.


Walter Spies

Der deutsche Maler, Musiker und Sammler Walter Spies (1895–1942) war einer den besten Bali-Kenner seiner Zeit. Spies sammelte die ornamentreichen Motive der Lamak und hielt sie mit Bleistift und Tinte auf Papier fest. Lamak aus Palmblättern werden in balinesischen Tempeln aufgehängt und nach nur wenigen Tagen als verwelktes Material entsorgt. Er litt als Homosexueller stark unter den Anfeindungen der holländischen Kolonialregierung in Indonesien und wurde mehrfach in Haft genommen. 

So queer ist das Theater­­museum…

Derzeit widmet sich das Theatermuseum in zwei Ausstellungen dem künstlerischen Tanz. In Die Spitze tanzt. 150 Jahre Ballett an der Wiener Staatsoper steht das Wesen des klassischen Balletts im traditions­­reichen Opern­haus am Ring im Zentrum. Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne unter­nimmt den Versuch, zentrale Tänzerinnen der Moderne in die große Wien-Erzählung einzuschreiben. Im Fokus stehen dabei für die europäische Moderne weg­weisende Tänzerinnen, Choreografinnen und Pädagoginnen wie Isadora Duncan, Grete Wiesenthal, Gertrud Bodenwieser und Rosalia Chladek und viele mehr.

Wie kaum eine andere Kunstform spiegelt der Tanz geschlechts­bedingte Zuschreibungen und Verhältnisse wieder. Er gibt aber auch Raum und Möglichkeit für die Thematisierung dieser Muster oder für die Befreiung aus diesen.

Rollenbilder

Viele Tänzerinnen haben sich mit vorgegebenen Rollenbildern aus­einander­gesetzt und Kritik an geschlechts­spezifischen Rollen­zuweisungen geübt. Die Nonne gilt wohl als Inbegriff der asexuellen Frau, die ihr Leben Gott verschrieben hat. Das Spiel mit dem Nonnen­kostüm ist also ein Spiel mit Körperlichkeit und Sexualität. Hier begegnen wir Mura Ziperowitsch, die in einem nonnen­ähnlichen Kostüm auf die weibliche Körperlichkeit verweist.


Groteske

Die vielen von TänzerInnen der Moderne als Groteske bezeichneten Stücke ermöglichten die Erwartungen auf Anmut und Charme im Tanz zu durchbrechen und unkonventionelle Rollen, Haltungen, Gesten und Sprünge auszuprobieren. Die in der Groteske überzeichneten karikaturhaften Kostüme und Masken, die auch das Tragen von Kleidung des anderen Geschlechts beinhalten, findet sich bei namhaften Tänzerinnen der 1920er Jahre, wie Cilly Wang oder Valeria Kratina wieder..


Befreiung

Der Moderne Tanz ist auch eine Geschichte der Befreiung der Frauen. Sie befreien sich aus dem Zwang von Institutionen, gründen eigene Studios, sind Tänzerinnen, Choreografinnen und Pädagoginnen und führen ein unabhängiges Leben. Die Tänzerinnen lassen vorgegebene Strukturen, Figuren und Posen des klassischen Balletts sowie Korsett und Spitzenschuh hinter sich, tanzen barfuß und mit wehendem Haar.